Interview (21. März 2025) mit Silia Plöchinger, Torhüterin beim 1. FFC Turbine Potsdam, welche sich den Fragen von Pascal Hotz stellt. Das ausführliche Interview kann hier/Audio abgehört werden.
Wir befinden uns im Sekretariatsbüro des FC Männedorf und vis-a-vis sitzt Silia Plöchinger, welche aktuell in der 1. Frauenbundesliga in Deutschland spielt. Liebe Silia, vielen Dank, dass Du Dir beim Besuch der Familie auch Zeit für dieses Interview nimmst, schätzen wir sehr! Meine erste Frage lautet wie immer: wer bist Du?
“Danke darf ich da sein. Mein Name ist Silia, bin 21, in Stäfa aufgewachsen, habe aber meine fussballerische Laufbahn in Männedorf gestartet und bin nun, wie gesagt, Profifussballerin in Deutschland.»
Vor kurzem wechseltest Du vom FC Rapperswil-Jona zum Frauen-Bundesligisten 1. FFC Turbine Potsdam. Ich behaupte, wir hatten beim FC Männedorf noch niemanden, der in der Bundesliga sein Geld verdiente. Gratuliere Dir zu diesem Transfer, aber wie kam es dazu?
«Ich war allgemein nicht mehr glücklich in Rappi, habe mit meinem Berater geschaut was für Optionen es gibt. Gleichzeitig habe ich mit einer Kollegin, welche in Potsdam spielt, Kontakt gehabt und mich interessiert wie es dort so ist. Kurz darauf kam das Telefon von einem ehemaligen Trainer und mir ein Transferangebot unterbreitet. 2 Tage später absolvierte ich in Potsdam ein zweitätiges Probetraining, worauf der Trainer und Staff mir ein Angebot unterbreitete.»
Jetzt spielt ihr u.a. gegen den FC Bayern, Wolfsburg, Leverkusen, Eintracht Frankfurt oder RB Leipzig, um nur ein paar der «grossen Clubnamen» zu erwähnen. Spielt ihr da auch in deren Hauptstadien und wie viele Zuschauer*innen sind jeweils bei den Spielen zugegen?
«War noch nicht oft dabei, da ich erst seit Winter da bin. Gegen Essen spielten wir im Hauptstadion (Bild siehe unten) der Männer (3. Bundesliga), wo über 1’500 Leute anwesend waren. Zudem werden die Spiele auf DAZN und Magenta Sport live übertragen. Bei uns im Heimstadion sind auch immer 1’000 Fans (in Rappi waren es 100) im Schnitt da, ist ein tolles Erlebnis.»
Gehen wir ein paar Schritte zurück: Du hast hier beim FC Männedorf Deine Fussballkarriere begonnen. Kannst Du uns über Deine Anfänge berichten und weisst Du noch wer Dich damals trainierte?
«Da kommen mir spontan Flavio (Bochicchio), Paul Lipp und Röbi (Rathkolb) in den Sinn, welche mich am meisten weitergebracht hatten. Ich war bis zu den D-Junioren beim FCM und wechselte dann zum FCZ.»
Wurdest Du gesichtet oder hat Dich jemand «empfohlen» und warst Du immer Torwartfrau oder hast Du auch als Feldspielerin agiert?
«Mein jetziger Stiefvater, Roger Düggelin, hat mich zum FCM gebracht, das war die beste Entscheidung. Angefangen habe ich als Spielerin, doch wie es so ist bei den Kleinen, muss jeder mal ins Tor. Die Position gefiel mir auf Anhieb, spielte fortfolgend jeweils beides, doch beim FCZ musste ich mich auf eine Position festlegen.»
Wie ging es weiter in Deiner fussballerischen Laufbahn, warst ja neben dem FCZ auch noch beim FC Basel, und was waren Deine bisherigen Highlights in all den Jahren?
«Das erste Highlight war der Meistertitel mit den D-Junioren beim FC Männedorf, bevor ich den Wechsel vollzog. Der nächste Titel holte ich in meiner Abschlusssaison, vor dem Wechsel zum FC Basel, mit dem FCZ. Im Wankdorf-Stadion schlugen wir das hochfavorisierte YB und durften so den Meistertitel feiern. Als Captain durfte ich anschliessend die Meistertrophäe hochstemmen!»
Kannst Du vom Fussball leben? Was hast Du für eine Ausbildung gemacht und war für Dich früh klar, dass Du beim Fussball Deine «Brötchen» verdienen möchtest?
«Als junge Spielerin in der Schweiz hast Du keine Chance davon zu leben, weshalb ich mich auch für die United School of Sports entschied. Vorab habe ich die Sportschule auf Sekundarstufe besucht, dann eine KV-Ausbildung extra für Sportler, welche ein Jahr länger dauert, damit man auch genügend Zeit hat für Schule und Sport. Der Traum Bundesliga war trotz Verletzungen immer da, mit dem Wissen, dort davon Leben zu können. Im Winter hats nun geklappt und in Potsdam kann ich relativ gut davon leben, ohne jedoch gross was auf die Seite legen zu können.»
Ohne konkret über Zahlen zu sprechen, hat man ein Startgehalt, welches sich mit den Jahren erhöht?
«Je nachdem was im Sommer passiert (Verbleib 1. Bundesliga oder Abstieg in die 2. Bundesliga) wird der Vertrag aufgestockt oder dann muss man halt schauen, ist Verhandlungssache.»
Erlaube mir noch zwei Frage zum Privaten: Wie ist Dein Beziehungsstatus?
«Der ist noch nicht vergeben.»
Du lebst nun in Potsdam. Hast Du Dich in dieser sehr kurzen Zeit schon eingelebt und wie sieht ein typischer Alltag von Silia aus?
«Zwischenzeitlich habe ich mich gut eingelebt, der Anfang war noch schwierig. Mit über 800 km Entfernung kann man nur mit dem Flugzeug nach Hause. Habe auch tolle neue Freunde gefunden, die Stadt ist eher klein, aber sehr schön. Wir trainieren zwei Mal pro Tag, erstes Training um 10 Uhr. Ich fahre mit zwei Teamkolleginnen, welche in unmittelbarer Nähe oder gar im gleichen Block wohnen, zum Trainingsgelände. Meistens trainieren wir eine, bis eineinhalb Stunden, dann Duschen, Physio, auch Wärmebecken und Sauna stehen zur Regeneration zur Verfügung. Nach dem Mittagessen geht es um 16 Uhr los mit dem Training, wiederum 60 bis 90 Minuten lang. Danach Nachtessen und schon ist der Tag gelaufen.»
Wieviel Mal trainiert ihr pro Woche?
«Ist unterschiedlich, haben nicht regelmässig Training. Wir bekommen einen Monatsplan, aber grundsätzlich trainieren wir täglich, am Samstag ist Matsch. Die Anreise zu den Auswärtsspielen dauern oft fünf bis sechs Stunden, so dass wir einen Tag vorher los fahren. Oft kommen wir nach dem Spiel erst um 4 Uhr Morgens zu Hause an und trainieren am Nachmittag schon wieder, ist schon relativ tough.»
Was sind die grössten Unterschiede zu Deiner Heimat hier in der Schweiz und was vermisst Du am meisten?
«Am Meisten vermisse ich meine Familie und Freunde. Wir telefonieren schon, ist aber nicht dasselbe. Die grössten Unterschiede sind sicher das Niveau, welches hier extrem viel höher ist. Man trainiert viel mehr, der Aufbau ist ganz anders. Auch die Sprache ist herausfordernd, zum Teil verstehen sie (Mitspielerinnen, Trainer) mich nicht, da ich Schweizer Begriffe auf Hochdeutsch verwende, welche sie nicht verstehen und umgekehrt. Wir haben auch ausländische Fussballerinnen, mit denen wir auf englisch kommunizieren. Es ist trotzdem Fussball, der Sport den wir lieben und so ist auch die (einfache) Fussballsprache.»
Zurück zum Sportlichen: nun habe ich gesehen, dass ihr Euch 5 Runden vor Saisonschluss auf dem letzten Platz der 12 Mannschaften (oder sagt man heutzutage Frauschaften 😉 ?) befindet. Liegt da noch was drin?
«Wir hoffen es, die nächsten Spiele werden wegweisend sein. Am Wochenende spielen wir gegen Hoffenheim*, ein schwieriger Gegner. Zwei Wochen später treffen wir auf Jena, DAS wichtigste Spiel der Saison. Hier geht es um Alles, hier müssen wir gewinnen, sonst sieh es ziemlich sch… aus! Am letzten Spieltag gehts gegen Köln, welche drittletzte sind. Ein Sieg und die Welt sieht wieder ganz anders aus…»
*Update: leider war der 18. (von 22) Spieltag gar nicht «Potsdam-like»: 0:7 gegen Hoffenheim und gleichzeitig besiegte Carl Zeiss Jena den 1. FC Köln mit 1:0, so dass Potsdam 6 Punkte hinter dem rettenden 11. Platz liegt.
Meistens sind ja zwei bis drei Torhüterinnen in einer Mannschaft, welchen Status hast Du?
«Ursprünglich bin ich als Nr.2 gekommen, da es geheissen hat, Du musst Dich zuerst ans Niveau angewöhnen. Am letzten Wochenende holte sich unsere Nr. 1 nach dem Schlusspfiff noch eine rote Karte und damit eine dreitägige Spielsperre. Dies heisst für mich, dass ich die Chance kriege, die nächsten drei Partien zu spielen.»
Genau dies wär meine nächste Frage gewesen. Wünsch Dir an dieser Stelle alles Gute und dass Du Mitentscheidend bist, den Ligaerhalt zu schaffen! Wie lautet Dein persönliches Ziel für die nächsten fünf bis 10 Jahre?
«Das Hauptziel bis zum Sommer ist mich hier in Potsdam durchzusetzen, dann müssen wir eh weiterschauen. Möchte schon Stammtorhüterin in der Bundesliga und auch einen Teil der Schweizer Nati werden. Der Rest schau ich fort zu.»
Du hast die Nati angesprochen, wo Du in der U16, U17 und U19 schon warst und somit schon «registriert». Nun spielst Du im Ausland, hat man schon mit Dir gesprochen resp. bist Du in Kontakt mit dem SFV?
«Stand jetzt noch nicht, da ich bis Sommer fast drei Jahre verletzungsbedingt ausgefallen und so vom Radar verschwunden bin. Doch mit dem Transfer in die Bundesliga und guten Leistungen rücke ich hoffentlich wieder in den Fokus.»
Welcher ist Dein Lieblings-Fussballverein hier in der Schweiz und/oder im Ausland und hast Du ein/eine Lieblingsspieler*in?
«Mein Lieblingsverein ist der FC Bayern München und in der Schweiz klar der FCZ, wo ich meine Jugend verbracht habe. Bei den Männern ist es Joshua Kimmich, ein Mentalitätsmonster und damit ähnliche Züge wie ich. Auf dem Feld kann er laut und emotional sein, neben dem Feld aber eher ruhig. Bei den Frauen ist es Mary Earps. Auch sie hatte schwierige Zeiten hinter sich, hat sich bis zur Torhüterin der englischen Nationalmannschaft hochgekämpft und wurde 2022 und 2023 FIFA-Welttorhüterin des Jahres.»
Rückfrage: warum der FC Bayern?
«Gute Frage. In der Schule hatten Kollegen Bayern-Leibchen an und das Design gefiel mir. Ich begann mich für die Mannschaft zu interessieren, schaute auch die Spiele an. Dann kam Kimmich, welcher für mich eine prägende Figur war. Ab dem Tag, wo ich mit Roger (Düggelin) live im Stadion war, bin ich Bayern-Fan.»
Schon bald findet hier in der Schweiz die Frauen-Fussball-EM statt. Gehe stark davon aus, dass Dich das interessiert. Wie sehen Deine Pläne diesbezüglich aus uns was traust Du unserer Damen-Nati zu?
«Nabe zwar nicht geplant in die Stadien zu gehen, aber verfolgen werde ich die Spiele auf jeden Fall. Zudem plane ich dann auch noch meine Ferien. Der Nati traue ich einiges zu, die Gruppenphase überstehen und dann reicht es hoffentlich so weit wie möglich.»
Letzte Frage: in der heutigen Zeit sind sehr viele Junge Menschen in den «Sozialen Medien» unterwegs. Wie sieht das bei Dir aus und kann man Dich «verfolgen»?
«Ich bin vor allem auf Insta**, zwar nicht allzu aktiv, aber doch immer wieder mal was drin oder Turbine Potsdam ebenfalls auf Insta** folgen.»
**Insta-Accounts von Silia: siliaploechinger https://www.instagram.com/siliaploechinger/ resp. FFC Turbine Potsdam: https://www.instagram.com/turbinepotsdam/
Vielen Dank Silia für die sehr spannenden Eindrücke, ich wünsche Dir alles Gute, viel Erfolg für Deine Karriere und bleib, das ist das wichtigste, vor allem Gesund, damit Deine Karriere steil nach oben geht!

Silia Stadion von RW Essen






